Zwischen Tradition und Sperrfeuer: Warum wir Kritik nicht fürchten müssen
Das Vaterunser ist für viele von uns die vertrauteste Heimat im Glauben. Wir sprechen es im Schlaf, es begleitet uns bei Taufen und Beerdigungen, in Momenten tiefster Not und höchster Freude. Doch was passiert, wenn diese Heimat plötzlich unter Beschuss gerät? Wenn Kritiker von „veralteten Gottesbildern“, „politischer Passivität“ oder „psychologischem Druck“ sprechen?
Häufig ist unsere erste Reaktion ein innerer Rückzug. Wir verschließen die Türen zu unserer „frommen Welt“, weil die Fragen von außen unbequem sind und an unseren Gewissheiten rütteln. Doch ein Glaube, der nur in der Stille funktioniert, wird auf Dauer kraftlos.
Das Vaterunser steht immer wieder unter Kritik. Diese Einwände sind ernst zu nehmen. Sie sollten nicht abmoderiert oder weggewischt werden, sondern differenziert und authentisch beantwortet werden.
Sich mit Kritik am Vaterunser auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, Gott zu verraten. Im Gegenteil, es ist eine Einladung, sich auf den Weg zu machen. Jede kritische Rückfrage – sei sie historisch, sprachlich oder moralisch – ist eine Chance, tiefer zu graben. Wer nicht erschrickt, sondern hinhört, entdeckt oft, dass die vermeintlichen Schwachstellen des Gebets in Wahrheit seine größten Stärken sind.
In diesem Beitrag schauen wir uns die häufigsten Einwände gegen das „Gebet der Gebete“ ganz genau an. Wir suchen nicht nach billigen Ausflüchten, sondern nach fundierten Antworten. Denn nur wer bereit ist, das Unbequeme zu durchdenken, wird am Ende feststellen: Das Vaterunser hält stand. Es ist nicht zerbrechlich – es ist ein Fels, der durch Reibung erst recht zu leuchten beginnt.
Machen wir uns also gemeinsam auf den Weg – mit offenem Visier und dem Vertrauen, dass Wahrheit keine Angst vor Fragen haben muss.
Übersicht:
- Und führe uns nicht in Versuchung
- Dein Reich komme – das unerhörte Gebet
- Hat Jesus das wirklich gesagt?
- Die Anrede „Vater“
- Dein Wille geschehe – eine religiöse Unterwerfungsformel
- Die Schuld- und Vergebungsbitte wirft Fragen auf
Und führe uns nicht in Versuchung
Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ klingt so, als würde Gott Menschen absichtlich Fallen stellen, um sie zu testen. Das widerspricht dem Bild eines liebenden Vaters.
Hier liegt ein Verständnis- und Übersetzungsproblem vor und erfordert Geschichts- und Sprachverständnis. Das griechische Wort peirasmos kann „Versuchung“ zum Bösen, aber auch „Prüfung“, im Sinne eines Härtetests, bedeuten.
Martin Luther benutzte oft das Wort „Anfechtung“, wenn er über Versuchung sprach. Für ihn war das eine Situation, in der der Glaube eines Menschen massiv erschüttert wird. Eine Anfechtung war für Martin Luther eine Art „geistliches Training“. Er war der Überzeugung, dass ein Christ nur durch solche schweren Prüfungen lernt, sich ganz auf Gott zu verlassen und nicht auf die eigene Kraft. Er sagte einmal sinngemäß, dass er ohne seine Anfechtungen (seine Ängste und Zweifel) niemals die Bibel so gut verstanden hätte. Die Prüfung war also der Weg zur Erkenntnis.
In seinem Kleinen Katechismus erklärt Luther die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ sehr genau, um Missverständnisse auszuräumen:
„Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott wolle behüten und erhalten, auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe…“
Luther stellt also klar: Gott ist nicht derjenige, der dich zum Sündigen verführen will. Aber Gott lässt Prüfungen zu, damit wir merken, wie schwach wir ohne ihn sind.
Obwohl man „Prüfung“ hätte sagen können, blieb man bei „Versuchung“, weil es zwei Seiten derselben Medaille beschreibt: Einmal die Prüfung, also Gottes Seite. Gott möchte, dass dein Glaube stärker und robuster wird. Wie Gold im Feuer geläutert und wertvoller wird.
Dann ist auf der anderen Seite die Versuchung, die von der Seite des Bösen oder des Zweifels kommt. Der Mensch spürt in dieser Situation die Gefahr, den Halt zu verlieren oder aufzugeben.
In beiden Fällen ist Gott Beistand in der Not und nicht der grausame Versucher.
Wenn man damals „Versuchung“ betete, dachte man weniger an die „Süßigkeiten-Versuchung“, sondern an eine existenzielle Krise des Vertrauens. Man verstand es als eine Prüfung der Standhaftigkeit, bei der man Gott anfleht, einen „nicht fallen zu lassen“.
Luther war sogar der Meinung, dass ein Mensch, der gar keine Anfechtungen (Prüfungen) mehr erlebt, in der größten Gefahr schwebt – weil er dann anfängt, sich selbst für gottähnlich oder unverwundbar zu halten oder vom Teufel bereits still gelegt wurde.
Dein Reich komme – das unerhörte Gebet
Seit rund 2000 Jahren beten Christen „Dein Reich komme“. Passiert ist jedoch wenig: Kriege, Hunger und Leid existieren weiterhin. Kritiker sagen, das Gebet ist wirkungslos oder die Erwartung Jesu war ein Irrtum.
Diese Kritik berührt einen echten neuralgischen Punkt christlicher Theologie. Tatsächlich rechneten viele Zeitgenossen Jesu mit einem baldigen, machtvollen Eingreifen Gottes in die Geschichte. Dass dieses Eingreifen nicht in der erhofften Weise sichtbar wurde, gehört zu den offenen Spannungen des Neuen Testaments. Christlicher Glaube hat diese Spannung jedoch nicht aufgelöst, sondern ausgehalten und gedeutet.
Theologisch wird das Reich Gottes deshalb nicht als punktuelles Ereignis verstanden, das sich eindeutig datieren ließe, sondern als eine dynamische Wirklichkeit. Es ist bereits angebrochen, aber noch nicht vollendet. In der Fachsprache spricht man vom „Schon jetzt und Noch nicht“. Das Reich Gottes ist real gegenwärtig, wo Menschen im Geist Jesu handeln – und zugleich bleibt es eine Hoffnung auf eine noch ausstehende Vollendung, die menschlichem Zugriff entzogen ist.
Das Reich Gottes beginnt laut unserer theologischen Lehre dort, wo Menschen nach den Werten Jesu handeln (z. B. Versöhnung, Teilen). Das Gebet ist kein Zauberspruch, der die Welt magisch verändert, sondern ein „Ausrichtungstool“ für den Betenden, selbst Teil der Veränderung zu werden. Das Reich Gottes ist ein Prozess der Veränderung und kein plötzliches Event.
Wer das Gebet spricht, richtet sich auf die Werte aus und stellt sich bewusst unter die Werte, für die Jesus steht: Versöhnung statt Vergeltung, Teilen statt Horten, Barmherzigkeit statt Härte. Das Gebet verändert nicht zuerst die Welt, sondern den Betenden – und genau darin liegt seine gesellschaftliche Sprengkraft.
Das Reich Gottes wird in dieser Perspektive nicht herbeigebetet, sondern mitgelebt. Es wächst dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Macht kritisch reflektieren und sich dem Leid anderer nicht entziehen. Zugleich bleibt klar: Kein menschliches Handeln kann das Reich Gottes vollständig herstellen. Das Gebet bewahrt daher vor Aktivismus, selbst einen Gottesstaat zu errichten, ebenso wie vor Resignation. Es hält Hoffnung wach, ohne Illusionen zu nähren.
So verstanden ist „Dein Reich komme“ weder Ausdruck naiver Weltflucht noch religiöser Vertröstung. Es ist ein Gebet in der Spannung zwischen Realitätssinn und Hoffnung – und gerade deshalb bis heute aktuell. Es erlaubt, die Unvollkommenheit der Welt nüchtern wahrzunehmen, ohne sie als endgültig hinzunehmen.
Die Hoffnung auf die neue Welt, die Gott verheißen hat, gründet nicht in menschlichem Wunschdenken, sondern in Gottes Zusage selbst. Die Bibel erzählt an vielen Stellen davon, dass Gott zu seinen Verheißungen steht und wie er es macht – in unserer menschlichen Wahrnehmung oft anders und langsamer, aber verlässlich. Darum ist diese Hoffnung keine Illusion, sondern eine begründete Hoffnung, die Christen tragen dürfen.
Hat Jesus das wirklich gesagt?
Historisch-kritische Forscher weisen darauf hin, dass das älteste Evangelium, das Markus-Evangelium, das Vaterunser gar nicht enthält. Es taucht erst später bei Matthäus und Lukas in verschiedenen Versionen auf. Daher vermuten Skeptiker, die Urkirche habe es nachträglich erfunden.
Um dieser Kritik zu begegnen, hilft ein kriminalistischer Blick auf die Quellen: Wenn zwei Zeugen haargenau das Gleiche aussagen, liegt der Verdacht einer Absprache oder Fälschung nahe.
Dass die Lukas-Fassung jedoch deutlich kürzer ist als die Matthäus-Fassung, spricht gerade für deren Echtheit. Wäre das Gebet eine späte Erfindung der Kirchenleitung gewesen, hätte man vermutlich eine einheitliche „offizielle“ Version verbreitet. Die Varianten deuten stattdessen darauf hin, dass Jesus den Kern des Gebets, die sogenannte Ipsissima Vox, seine „echte Stimme“, mehrfach in verschiedenen Situationen lehrte. Die Jünger bewahrten unterschiedliche Erinnerungen daran auf, doch der jüdische Kern und die aramäische Sprachstruktur passen perfekt in die Zeit und zum Wirken Jesu. Selbst wenn das Vaterunser redaktionell geformt wurde, tragen deutliche Indizien im Vaterunser unverkennbar die jesuanische Grundintuition – Einfachheit, Gottvertrauen und soziale Verantwortung.
Die Anrede „Vater“
Die Anrede „Vater“ wird als patriarchal, exklusiv oder verletzend empfunden – insbesondere für Menschen mit problematischen Vatererfahrungen. Für Menschen, die Gewalt, Missbrauch oder Abwesenheit durch ihren leiblichen Vater erlebt haben, ist die Anrede „Vater“ für Gott eher abschreckend als einladend. Das Wort löst bei ihnen Angst oder Ablehnung aus statt Vertrauen.
Hinzu kommt die feministische Kritik, dass wenn Gott ausschließlich als „Vater“ bezeichnet wird, bewusst oder unbewusst der Eindruck entsteht, das Männliche sei „gottähnlicher“ als das Weibliche. Dies wurde historisch oft genutzt, um patriarchale Strukturen in der Kirche zu rechtfertigen und Frauen zu unterdrücken.
Theologisch ist festzuhalten, dass Gott Geist ist und keinem biologischen Geschlecht, wie wir sie kennen, zuzuordnen ist. Die Vater-Anrede ist daher keine ontologische Festlegung, sondern eine relationale Metapher. Sie sagt weniger darüber aus, was Gott ist, als darüber, wie Menschen sich Gott zuwenden dürfen. Andere biblische Gottesbilder – etwa mütterliche, schützende oder suchende Metaphern – widersprechen dem Vaterunser nicht, sondern erweitern und vertiefen das biblische Reden von Gott.
Seelsorgerlich betrachtet, muss betont werden, dass Gott der „Gegen-Entwurf“ zu irdischen Vätern ist – also all das Gute verkörpert, das ein irdischer Vater vielleicht schuldig geblieben ist. Dennoch wird zunehmend Raum für alternative Bezeichnungen (wie „Quelle des Lebens“ oder „Freund“) geschaffen. Diese Möglichkeiten werden von Kritikern als Werk einer Kirche, die ihren Kern verloren hat und ein „Wohlfühl-Evangelium“ verbreitet.
Tatsächlich lässt sich jedoch argumentieren, dass hier weniger ein Bruch als vielmehr eine Rückbesinnung auf die biblischen Wurzeln stattfindet. Die Bibel nennt eine große Vielfalt von Gottesbildern – darunter ausdrücklich auch weibliche und nicht-geschlechtliche Metaphern, etwa Gott als Mutter, als Bärin, die ihre Jungen verteidigt, oder als Handwerker. Auch Bezeichnungen wie „Hirt“, „Fels“ oder „Licht“ sind keine modernen Erfindungen einer verweichlichten Kirche oder von angepassten Theologen. Die Nutzung der ganzen Breite biblischer Metaphorik ist daher keine Verwässerung des Glaubens, sondern zutiefst biblisch. Wer ausschließlich auf der Vater-Anrede beharrt, blendet diese Stellen der Bibel aus und verengt das wahre biblische Gottesbild.
Meist dreht sich an diesem Punkt die Debatte also weniger darum, was Gott ist, sondern welche Sprache wir benutzen, um über Gott zu sprechen und Deutungshoheit und Macht über andere zu bekommen.
Dein Wille geschehe – eine religiöse Unterwerfungsformel
„Dein Wille geschehe“ gilt manchen als religiöse Unterwerfungsformel, die Leiden legitimieren oder Widerstand lähmen kann.
Dieser Einwand ist historisch und psychologisch absolut nachvollziehbar, da der Satz „Dein Wille geschehe“ oft missbraucht wurde, um Menschen zum Schweigen zu bringen (z. B. nach dem Motto: „Dein Leid ist Gottes Wille, also füge dich“).
„Dein Wille geschehe“ ist kein Fatalismus, sondern ein Gebet um Ausrichtung. Es setzt voraus, dass Gottes Wille dem Leben dient – nicht seiner Zerstörung. Gerade deshalb kann dieser Satz auch Widerstand gegen Unrecht motivieren.
Zur Zeit Jesu war „Gottes Wille“ kein Code für „akzeptiere dein Unglück“. Im Gegenteil, Gottes Wille wurde als ein Zustand verstanden, in dem es keine Unterdrückung, keine Korruption und keinen Hunger gibt. Wenn wir beten „Dein Wille geschehe“, ist das kein Duckmäusern vor dem Schicksal, sondern ein Protest gegen die aktuellen Zustände.
Wer „Dein Wille geschehe“ betet, sagt eigentlich: „Gott, dein Wille ist Gerechtigkeit, aber auf der Erde herrscht Ungerechtigkeit. Ändere das! Dein Wille soll hier endlich das Sagen haben und nicht der Wille der Despoten.“
Oft wird auf Jesus im Garten Gethsemane verwiesen, der betet: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Aber das war ein Ringen und keine Ergebenheit. Das war keine passive Unterwerfung, sondern ein harter innerer Kampf. Jesus wollte nicht sterben, er hat mit Gott gerungen. „Dein Wille geschehe“ bedeutet nicht, den Verstand oder das eigene Gefühl auszuschalten. Es ist der Versuch, das eigene Leben in ein größeres Ganzes einzubetten, selbst wenn man den Weg gerade nicht versteht. Es ist ein Akt des Vertrauens, keine Kapitulation vor einem Tyrannen.
Wenn Gottes Wille geschieht, bedeutet das oft, dass der Wille von mächtigen Menschen nicht mehr geschieht. In der Kirchengeschichte wurde dieser Satz oft zur Widerstandsformel. Wenn Gott die höchste Autorität ist, verlieren Könige und Diktatoren ihren absoluten Anspruch. Aber „Dein Wille geschehe“ befreit den Menschen von der totalen Unterwerfung unter menschliche Ideologien. Es ist die radikale Absage an jeden menschlichen Absolutheitsanspruch. Wer Gott gehorcht, muss Menschen, die Unrecht fordern, den Gehorsam verweigern.
Diese Stelle im Vaterunser erinnert uns daran, dass die Welt, wie sie jetzt ist – voller Ungerechtigkeit –, nicht dem Willen Gottes entspricht.„Dein Wille geschehe“ ist also keine Entschuldigung für das Leid, sondern der dringende Ruf nach seiner Überwindung.
Die Schuld- und Vergebungsbitte wirft Fragen auf
Die Schuld- und Vergebungsbitte wirft Fragen nach Selbstverantwortung, Machtverhältnissen und der Zumutbarkeit von Vergebung auf.
Dieser Kritikpunkt kommt oft daher, dass Vergebung fälschlicherweise als eine Form der moralischen Selbstaufgabe oder als „Schwamm-drüber“-Mentalität missverstanden wird. Besonders in Machtverhältnissen kann das Einfordern von Vergebung die Opfer erneut unter Druck setzen.
Um auf diese Kritik fundiert zu antworten, muss man die ökonomische und psychologische Radikalität der Bitte im Kontext der Zeit Jesu und der heutigen Ethik beleuchten:
Wie weiter oben bereits erläutert, meinte „Schuld“ zur Zeit Jesu oft ganz reale, finanzielle Schulden. In einer Gesellschaft, in der Verschuldung zur Sklaverei führte, war die gegenseitige Vergebung der Schulden ein Akt der Befreiung von Machtverhältnissen. Es ging damals nicht darum, dass das Opfer den Täter gewähren lässt, sondern dass ein zerstörerisches System und dessen Kreislauf der Abhängigkeit durchbrochen wird. Vergebung ist hier kein „Einknicken“, sondern ein gemeinsamer Neuanfang auf Augenhöhe.
Wenn Kritiker sagen, die Bitte schwäche die Selbstverantwortung, weil man „einfach nur um Vergebung bittet“. Dann sollte unbedingt vor Augen geführt werden, dass das Vaterunser hier knallhart ist. Die Bitte lautet: „…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Das ist eine extreme Form der Selbstverantwortung. Ich kann Gottes Vergebung nicht als passives Geschenk konsumieren, ohne mein eigenes Handeln gegenüber anderen selbst radikal zu ändern. Es ist ein aktiver Kreislauf. Wer Vergebung empfängt, übernimmt die Verantwortung, diesen Frieden in die Welt weiterzutragen. Es ist das Gegenteil von moralischer Faulheit.
Auch die Kritik ist ernstzunehmen, die sich auf z.B. schwere Verbrechen bezieht, dass hier Vergebung menschlich unzumutbar sei. In der christlichen Ethik bedeutet Vergebung nicht, die Tat zu entschuldigen oder die Konsequenzen (z. B. Strafe) aufzuheben. Vergebung ist primär ein innerer Prozess des Opfers, um die Macht des Täters über das eigene Gefühlsleben zu brechen. Die Vergebung ist ein Angebot zur eigenen Freiheit. Wer nicht vergibt, bleibt an den Täter gekettet. Die Bitte im Vaterunser ist der Wunsch nach einem Zustand, in dem Hass nicht mehr das letzte Wort hat. Sie ist eine „Zielvorgabe“, kein moralisches Erpressungsmittel für traumatisierte Menschen.
Diese Stelle im Vaterunser hebt Machtverhältnisse auf, weil es feststellt, dass Jeder vor Gott ein Schuldner ist. Vor Gott gibt es keine moralische Elite. Auch hier – im übertragenen Sinne gesprochen – der König oder der Priester muss um Vergebung bitten. Das Vaterunser entlarvt den Hochmut der Mächtigen, die sich oft für moralisch unfehlbar halten.
Die Vergebungsbitte bleibt die härteste Zumutung des Gebets. Sie ist kein moralischer Schnellschuss, sondern eine langfristige Praxis. Das Vaterunser idealisiert Vergebung nicht, sondern bindet sie an Gottes vorherige Zuwendung.
(von Munir Hanna, Evangeliumsnetz e.V.)
